Textversion

Sie sind hier:

Conference index

Opening speaches

Transcultural Exchange

Die Beziehung Mensch

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

Datenschutzerklärung

Impressum

Kontakt

sitemap

Die Beziehung Mensch - Maschine als Spiegel der Gesellschaft in der Kunst des 20. Jahrhunderts

Der Vortrag befaßt sich mit der Frage, welches Menschenideal sich in den Gliederpuppen, Prothesen, Automaten, Robotern und Avatare spiegelt. Obwohl sie in der äußeren Form extrem voneinander abweichen, bewegen sich alle und imitieren die menschlichen Gebärden (Automaten), erweitern seine körperlichen Möglichkeiten (Prothesen), übernehmen menschliche Funktionen (Industrieroboter) oder vertreten die menschliche Anwesenheit in virtuellen Räumen (Avatare). So gesehen sind sie Konterfei menschlichen Tuns.

Schon die Antike kennt den Automaten. Heron von Alexandria beschreibt in seinem Traktat den Mechanismus dieser beweglichen Skulpturen, die in Theaterstücken den Part der Götter spielten und unversehens im menschlichen Schicksal eingriffen. Im Kontext einer Theaterwelt, in der auch die Akteure Masken trugen und nicht das Individuum sondern die Persona darstellten verkörpern auch sie letztlich menschliche Eigenschaften. Ganz anders der berühmte Flötenspieler von Vaucansson, der als Sinnbild der Philosophie von La Mettrie das menschliche Bewüßtsein als Funktion der Sinnesorgane und die Welt als Funktion des Ichs gepriesen wird. . Vom äußeren Erscheinungsbild stehen die Automaten des 18. Jahrhunderts an der Schwelle zwischen den Automaten, die eine skulpturale Form bekleiden und ihren Nachfolgern aus der Spielwelt, die Puppen.

Die Entdeckung der Dampfmaschine und der Elektrizität führen allmächlich dazu, daß sich im Lauf des 19l Jahrhundert das Interesse weg von den menschenähnlichen Automaten hin zum Automatismus der Maschinen und der sie auslösenden Mechanismen verlagert.

Die Erfindung des Uhrwerks im späten Mittelalter gibt den Automaten einen neuen Aufschwung. Sie erscheinen eingebunden in den monumentalen Uhren und als Augenroller. Spätestens in der Renaissance löst die Freude an technischen Möglichkeiten die Automaten aus jeglichem Kontext. Es entstehen prachtvolle Tischautomaten aus kostbaren Materialien, meist Silber oder Gold. Im 18. Jahrhundert wird der Mechanismus unter den Roben der Porzellanpuppen versteckt, wie beim berühmten "Flötenspieler" von Vaucanson (86) oder den "Schriftsteller" von Jacquet-Droz. Diese Automaten versinnbildlichen die Philosophie des Funktionalismus, wie von La Mettrie im Roman „Der Maschinenmensch“ dargestellt. Darin wird das menschliche Bewußtsein als Funktion der Sinnesorgane und die Welt als Funktion des Ich gepriesen. Vom äußeren Erscheinungsbild stehen die Automaten des 18. Jahrhunderts an der Schwelle zwischen den Automaten, die eine skulpturale Form bekleiden und ihren Nachfolgern aus der Spielwelt, die Puppen. Auch diese gehen und sprechen, führen im Prinzip dieselben Funktionen aus wie die alten Automaten.

Unter dem Einfluß des Funktionalismus auf der einen Seite und der Industrialisierung auf der anderen bewegt sich, im 19. Jahrhundert, das Interesse weg von den menschenähnlichen Automaten hin zum Automatismus der Maschinen und der sie auslösenden Mechanismen. Die Lokomotive und später die ersten Automobile faszinieren durch die kraftvolle Maschinerie und die Schnelligkeit. Maler, wie Charles Demuth und Lyonel Feininger, Fotografen wie Henri Lartigue und Cineasten wie George Meliès richten ihren Blick auf den technoiden Aspekt der Maschinen, die sie in akkuraten Bildern beschreiben. Manche unter Ihnen sind voll von Bewunderung und Begeisterung für die neuen technischen Möglichkeiten, was in den futuristischen Utopien von Jules Verne besonders zum tragen kommt; andere entgegnen ihnen schon früh mit Skepsis und Distanz, weil sie darin eine potentielle Bedrohung wittern. Eine andere Gruppe setzt sich mit dem Mechanismus der Bewegung selbst auseinander, allen voran die Wissenschaftler Etienne Jules Marey, Eadward Muybridge und Frank Gilbreth, die die Abläufe einer Bewegung möglichst akribisch untersuchen. Später wird Duchamp, mit „Akt, der eine Treppe hinab schreitet“ sein Augenmerk auf den Mechanismus der menschlichen Bewegung richten und somit, die Darstellung des Menschen auf die reine Funktion des Hinabschreitens reduzieren. La Mettries Idee des „Homme machine“ kommt hier nochmals zum Ausdruck und findet später eine gedankliche Fortsetzung in „La Mariée mis à nu par ses célibataires même“ : Die Idee der Junggesellenmaschine, mit denen sich auch Picabia, Matta und Gironcoli auseinandersetzen, können, wie die kraftvollen Maschinen der Industrie als moderne Interpretation des Mythos von Athena, die aus dem Haupt des Zeus entspringt, verstanden werden.

Indem sie den Mechanismus einer Bewegung darstellen wollten, zeigten Marey, Muybridge und Gilbreth auch ihren Ablauf und damit ihre lineare Entwicklung in der Zeit. Das galt besonders für die Fotografien von Muybridge, die, mittels eines Stroboskops, den Ablauf einer Bewegung wie auf einem Filmstreifen reell vor Augen führte. Dies mußte die Futuristen inspirieren, die nach Darstellungsmöglichkeiten von Zeit, Dynamik und Geschwindigkeit suchten. Mit Ausnahme von Ballà hielten alle an die Figuration. Im Gegensatz zu boten Künstler wie Duchamp, Delaunay, Tatlin und Moholy-Nagy mit ihren abstrakten Objekten eine Synthese zwischen Mechanismus und Ablauf. Damit leiteten sie einen metaphysischen Diskurs über die Beziehungen der linearen Zeitentwicklung (Uranus, der seine Kinder verschlingt) mit dem räumlichen Volumen (Evolution – Revolution) ein.

Eine andere Form der Raumeroberung wird durch die Aeronautik möglich. Luftballons, Zeppeline und Flugzeuge, später auch Raketen und Raumschiffe, erforschen den Himmel und verwirklichen den alten Traum von Daedalus und Ikarus. Nach Leonardo, werden Künstler wie Tatlin, Panamarenko und Takis Flugmaschinen bauen. Allerdings bieten sie eher poetische als technisch fortschrittliche Lösungen. Tatlins „Letatlin“ ist eine Art Prothese, die den menschlichen Körper erweitert, in der Art wie die ersten Fluggestelle von Otto Lilienthal . In der Symbiose mit dem menschlichen Körper und in der Einfachheit ihrer technischen Ausrüstung, die nur eine geringfügige Bewegungsvariation ermöglicht, erinnern sie wieder an die Automaten der Antike.

Die wirklichen Nachfolger der Automaten sind die Roboter, die ihren Namen dem Roman von Karel Capek, „Russums Universal Robots“ von 1921 verdanken. Sie nehmen erstmals in Fritz Langs Film „Metropolis“ Gestalt an, der seine Figur unter dem Eindruck von Duchamps „Nu“ erfunden hatte. Seine visionäre mechanische Gestalt wird ihrerseits den Wissenschaftler Konrad Zuse inspirieren, der wenig später, zwischen 1934 –41, den ersten Computer der Welt erfindet, eine Tatsache, die aus politischen Gründen bis vor kurzem verheimlicht wurde. Doch der Fortschritt ist nicht aufzuhalten und die Roboter treten in der Industrie sehr bald anstelle des Menschen und übernehmen Funktionen, die der Mensch selbst nie hätte erledigen können. Man denke an „Voyager“ und „Pathfinder“, die im Dienste der Wissenschaft das All erforschen. In der Kunst sorgte bereits 1956 Nicolas Schöffers CYSP II, die als erste elektronisch gesteuerte Skulptur interaktiv mit den Tänzern von Maurice Béjart auf der Bühne trat, für Aufsehen. So gesehen war die Erfindung des Computers für die Menschheit von ebenso großer Tragweite, wie einst die Entdeckung des Feuers durch Prometheus.

Die Menschheit, glücklich über das wunderbare Geschenk, hört die warnenden Stimmen der Skeptiker nicht. Neugierig und stolz, wie damals Epimetheus, öffnet sie die Schachtel der Pandorra Die Atombombe und andere Unheil stiftende Spielzeuge springen heraus und verbreiten den Tod. Die Maschine wendet sich gegen seinen Schöpfer und liefert ihm einen unerbittlichen Kampf. Dabei droht die Welt sich selbst zu zerstören. Dies wird in Tinguelys „Hommage à New York“ (84) auf eindrückliche Weise und mit der für ihn charakteristischen Ironie geschildert. Später wird die Erde durch bösartige Roboter aus fernen Welten wie „Terminator“ erbarmungslos bedroht. Der unaufhörliche Kampf wird vor allem eine beliebte Thematik im Reich der Spielzeuge werden, wo ferngesteuerte Roboter auf Knopfdruck gewaltig werden und auf CD-Rom sich gegenseitig vernichten. Die Kunst hingegen wird auch friedliche Alternativen bieten, wie mit Takis‘ Aktion „L’impossible ou l’homme dans l’espace“ , in der Dichter Sinclair Beiles schwerelos in der Luft schwebt und Parolen zur friedlichen Nutzung der Kernenergie auffordert. Aber auch andere, kleinere Übel, wie die Automatisierung des Menschen werden von den Künstlern angeprangert: so durch Gilbert and George , die als lebende Skulpturen die Musikautomaten aus Großvaters Zeiten mit bissiger Ironie nachstellen, oder Borowskys automatisierte Skulpturen, die immer wieder dieselben Gesten ausführen.

Heutzutage wird die Technik von elektronischen Gehirnen gesteuert. Der Industrieroboter, der von seinem äußeren Erscheinungsbild nur wenig Ähnlichkeit mit den alten Automaten aufweist, führt wie diese noch eine reelle Bewegung aus, im Gegensatz zu den Computern, die in der Lage sind, die schwierigsten Aufgaben zu erledigen, ohne eine andere Bewegung als jene auf dem Bildschirm vorbei huschenden Informationen. Letztere entwickeln sich in einer rein virtuellen Ebene, die, für sich allein gesehen, nur wenig mit den Automaten und der Skulptur in Bewegung zu tun hat. Die echten Nachfolger der Automaten sind in den neuesten Versuchen des künstlichen Lebens zu suchen, eine Form der Robotic, die erneut den Menschen in Form und Funktion nachahmt und somit die von La Mettrie gestellte Frage wieder aufgreift und mit neuen Inhalten füllt. Sowohl im virtuellen Bereich als auch in jenem des künstlichen Lebens ist die Entwicklung mit dem spielerischen Umgang der Medien verknüpft. Kunst und Technologie sind hier mehr denn je miteinander verbunden. Mit der Frage nach der Wirkung dieser Neuerungen auf die Entwicklung neuer künstlerischer Konzepte sollte dieser Vortrag seinen aktuellen Bezug erhalten.

Danièle Perrier, Moskau 2000


nach oben