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Gleich ist nicht gleich

Petra Keinhorst

Rapunzel

Eine Annäherung von Danièle Perrier

Während ihres Aufenthaltes im Künstlerhaus Schloss Balmoral entwickelte Petra Keinhorst eine Gruppe lebensgrosser Wachsfiguren, die, wegen ihrer Anonymität, spontan in die Nähe der ebenfalls weissen Gipsfiguren von Georg Segal gerückt werden. Bei beiden sind die Figuren eher schematisch behandelt, wobei das Auslassen des Details jegliche Form vonindividuellem Ausdruck ausschliesst. Es sind einsame Menschen, Menschen ohne Eigenschaften.

Trotz dieser oberflächlichen Analogien entspringen die beiden Arbeiten diametral antgegen gesetzten Intentionen. Segal verwendet Gips, ein Material das in den meisten Fällen bindet, abdeckt, umhüllt oder aufgetragen wird. In dieser Eigenschaft wird es als Schutzhülle um
verletzte Körperteile gebunden; die Schutzhülle beschränkt die Beweglichkeit, zwängt den Körper in eine bestimmte Haltung. Die von lebenden Modellen abgegossenen Gipsfiguren Segals wirken steif und unbeweglich. Ob Pop’Star, Elektriker oder Hausfrau: Sie sind im
Korsett gesellschaftlicher Gepflogenheiten eingebunden, leben ihren Alltag vor sich hin, verhalten sich angepasst und tragen ihre soziale Funktion wie eine Visitenkarte mit sich. Das Individuum ist hinter dieser Hülle verborgen; kaum eine seiner Eigenschaften dringt durch.Es geht soweit, dass von den lebenden Modellen nur die Schale blebt, Sinn entleert.

Petra Keinhorst hingegen verwendet Wachs, ein Material weich und formbar wie Gips, das nicht aufgetragen sondern gegossen wird. In warmen Zustand füllt es die Hohlform des Behälters aus, schmiegt sich ihm an. Die Hohlform wird zum Positiv, zur Masse. Keinhorst gewinnt allerdings nicht die Form indem sie die Schale gestaltet, - diese ist bei ihr eine rechteckige Holzkiste -, sondern, indem sie, wie ein Bildhauer, die Figur aus dem Wachsblock herausmeisselt, ihn in mühsamer Arbeit behaut. Sie verbindet damit die Einmaligkeit des schöpferischen Akts einer Schnitzarbeit mit der Vergänglichkeit des Werkes. Ihr Konzept hält sie auf ein paar kleinen, schematischen Skizzen fest, die nur allgemeine Haltungen andeuten, so dass sie sich – mehr ahnend als wissend – an ihre innere Sicht herantastet, alles Unvollkommene verwerfend. Eine Fehlentscheidung oder eine falsche Bewegung führen gleichermassen zur Einschmelzung des unfertigen Werkes, zum Neuanfang.

Die Figuren von Petra Keinhorst sind schematisch behandelt. Ihre Gesichtszüge sind eher angedeutet als charakterisiert. Sie tragen Kleider, aber diese geben keine Informationen über ihren gesellschaftlichen Rang oder über ihren Beruf. Es sind anonyme, einsame Wesen, von innen belebt. Ihnen haftet etwas ursprüngliches, unberührtes an. Halb fängt sich das Licht in ihnen, halb reflektiert es sich darauf, eine Metapher für die Durchlässigkeit dieser Geschöpfe, die, in sich ruhend, auf etwas zu warten scheinen, auf etwas, das offensichtlich nicht kommt. Hier geht es nicht um die Entlarvung gesellschaftlicher Mechanismen, sondern um einen menschlichen Plan, um den Wunsch nach Vollkommenheit und nach
echter Kommunikation. Deshalb sind die drei Figuren zu einer Gruppe zusammengefügt. Sie stehen zueinander in Bezug und integrieren sich in die räumliche Situation. Eine Kommunikation untereinander gelingt nicht. Daher geben sie der Sehnsucht nach dem Unerreichten Ausdruck.

Weil sie situationsbezogen sind, sind die Figurengruppen von Keinhorst Unikate mit beschränkter Lebensdauer, die nur in Form von grossformatigen Fotografien erhalten bleiben. In der Regel werden die Figuren nach der Ausstellung zerstört oder in neuem Kontext gestellt. Mit den eingeschmolzenen Figuren werden wieder neue geschaffen, die
wieder in andere Konstellationen gestellt werden.

" The same is not the same. "

An approach by Danièle Perrier.

While she was staying at the Künstlerhaus Schloss Balmoral, Petra Keinhorst developed a group of life-sized wax sculptures, which, because of their anonymity, are spontaneously associated with the white plaster figures by George Segal. Both treat the figures schematically by leaving out details which might create any expression of individuality. They are lonely figures, people without characteristics.

Despite these superficial analogies, the works of both arise from diametrically opposed intentions. Segal uses plaster of Paris, a material that is commonly used as a binder, cover, wrap, or as an application. It is used as a protection around injured parts of the body, and limits its flexibility to a specific posture. The plaster figures by Segal, which are cast from living models, appear stiff and motionless. Be they pop star, electrician, or housewife: they are tight in a corset of social customs, live their daily lives, adapt to convention, and display their social function like a business card.
The individual remains hidden behind the appearance, with hardly any characteristic shining through. Finally, only a shell remains of the living models, bereft of content.

Petra Keinhorst uses hard paraffin wax, a material that is soft and can be shaped similarly to plaster of Paris, yet it is not applied but poured. When it is warm, it smoothly flows to fill the hollow form. The hollow shape becomes the positive, the mass. Yet Keinhorst does not gain the shape of the figure through the design of a mould – which is a wooden box in her case – but by chiselling it laboriously, as a sculptor, from a block of wax. Thus she combines the uniqueness of a creative act of carving with the transience of the artwork. Little schematic sketches of her concept
merely suggest general postures. She feels her way into an inner view – which she intuits rather than knows – discarding everything imperfect. Any wrong decision or movement, and she will melt down the unfinished work to start again.

She treats her figures schematically. Their features are suggested rather than defined with characteristics. Their clothes show no reference to their social position or profession. These are anonymous, lonely beings, living inside their own selves. There is something unspoiled about them. Light partly diffuses within them, partly reflects of them; this is a metaphor for the translucency of these serene beings, who seem to be waiting for something, which does not seem to come. This is not about the exposure of societal mechanisms, but about a human plan, a wish for completion and actual communication instead. The three figures are posed as a group. They relate to each other and integrate into the spatial situation, yet they do not communicate with each other. Thus they give expression to a longing for something unachievable.

Because they depend on the specific situation, the groups of figures by Keinhorst are unique, with a limited life-span, and remain only in the form of large photographs. Usually, the figures are destroyed after the exhibition or placed within a new context. New figures are created from melted down ones and will form other groupings.