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Das Maß aller Dinge

Die Werke von Roswitha von den Driesch basieren auf der Feststellung, dass die Umgebung des Menschen, insbesondere die Architektur, die Bewegungsabläufe des Menschen und dessen Umgang mit anderen Menschen bedingen.

Dementsprechend benutzt von den Driesch zum Aufbau ihrer Videos das Architektenvokabular. Sie stellt Wohneinheiten und Innenräume mit ihren Einrichtungen in Planaufsicht dar. Dabei handelt es sich vorwiegend um Architekturmodelle des sozialen Wohnungsbaus oder andere, beengende Lebensbereiche, wie in OSO1. Menschen und Tiere, die sich darin oder im unmittelbaren Umfeld der Wohneinheiten bewegen, werden in Vogelperspektive dargestellt oder, wenn sie sich in einem Raumschiff befinden, von unten.

Von den Driesch konzentriert sich in ihren Darstellungen auf Alltagssituationen. Sie beobachtet den durchschnittlichen Bürger, wie er in Zimmer, Küche, Bad, einer sehr kleinen Wohneinheit, auf wesentliche Gesten eingeschränkt wird, oder wie in Vorübergehend außer Haus die Bewohner des Mietshauses Tag ein Tag aus die gleichen Wege beschreiten und sozusagen dieselben Rituale vollziehen.

Eine zweite, wesentliche Komponente ihrer Arbeit ist das Drehbuch. Minutiös werden die einzelnen Charaktere herausgearbeitet, ihre Gestik geplant und der zeitliche Rahmen einer jeden Handlung festgelegt. Menschen und Tiere übernehmen alle eine bestimmte Rolle und agieren wie Akteure unter Anleitung des Regisseurs. Doch Kommunikation bleibt zwischen den Beteiligten ein Fremdwort: Keiner grüßt den Nachbarn, kein Plaudern im Treppenhaus, keiner schenkt dem anderen Aufmerksamkeit. Jeder lebt für sich allein oder zu zweit oder noch mit einem vierbeinigen Begleiter; jeder lebt den eigenen Rhythmus. Um dies zu unterstreichen skandieren Geräusche und Klänge deren stilles Agieren, ihren einsamen Alltagstrott. Jeder produziert ihm eigene Geräusche. Diese sind vielleicht der äußerste Ausdruck einer auf den einfachsten Nenner reduzierten Individualität.

Der Beobachter muss selbst in die Stille gehen, um die Feinheiten in den Charakteren herauszulesen, um ihr Unbehagen in der Gruppe zu spüren, ihre Verlegenheit. Und trotzdem haben diese schematisierten Menschen auch fast etwas Unbekümmertes an sich, vielleicht weil sie sich nur über ihre Körpersprache vermitteln. Man schaut ihnen gebannt zu, wie sie immer aufs Neue dieselben Bewegungen wiederholen, ähnlich wie der Löwe im Käfig.

Mit OSO1 – eine Mission ins Unbekannte verlässt von den Driesch dies Sphäre des Alltags und führt in unbekannte Zonen: OSO ist der Name eines Satelliten, der hier vier Menschen an Bord führt. Der Raum ist im Gegensatz zu den anderen Installationen unbegrenzt, dennoch sitzen die weißen Silhouetten wie in einem Raumschiff beisammen. Wir sehen sie von unten ins Schwarze hinauffliegen, in die unbekannten Zonen der Dunklen Materie und der Dunklen Energie, die unsere Galaxien zusammenhalten sollen. Doch gelingt das Durchdringen nicht richtig, denn immer wieder starten sie von neuem. Die Sehnsucht, die Schwerkraft zu überwinden, bleibt ein unerfüllter Traum.

Mit dieser Arbeit, die im Künstlerhaus Schloß Balmoral entstanden ist, schenkt Roswitha von den Driesch Einblick in ihren kreativen Prozess. Die Idee entstand anlässlich der Zeremonien zum Tod von Pabst Johannes Paul II im Vatikan. Besonders der reich ornamentierte Boden mit den sphärisch angeordneten Mosaikmustern um den Altar Gianlorenzo Berninis, die im Fernsehen aus verschiedenen Perspektiven gezeigt wurden, haben sie fasziniert. Es entstand eine Reihe farbenfroher Aquarelle, die die Pracht der Feierlichkeiten übernehmen und Inseln im Raum darstellen. Sie entwickeln sich zu Raummodulen einer ungezwungenen Kommunikation und stehen eigentlich in Kontrast mit dem reduzierten Bild der daraus entwickelten Video- und Klanginstallation. Hier, man spürt es, gelangt der Mensch an die Grenze des Bekannten: Die schwarze Umgebung, die Dunkelheit suggerieren den Grenzbereich zwischen Leben und Tod, den Bereich, der die Loslösung des eigenen Körpers bedeutet, einen Schritt, der nicht einmal den Silhouetten in OSO 1 gelingt. Hier öffnet sich ein Freiraum zwischen Leben und Tod, zwischen einer Realität und ihrer Darstellung, die hier die Züge einer Science Fiction Mission annimmt.

Danièle Perrier, in Balmoral Jahrbuch 2005/2006, Künstlers (Glücks)spiel, S. 58