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Non solo sed etiam

Im Land des Lächelns will die Tradition, daß die höchste malerische Perfektion sich in der Nachahmung des Meisters ausdrückt. Die Imitation wird nicht als bloßes Kopieren, als steriles Plagiat angesehen. Ganz im Gegenteil: Da nichts erfunden werden muß, darf das Auge in aller Ruhe das Vorbild betrachten. Durch die stetige Beschäftigung mit dem Einen wird der Blick geschult und lernt auch das kleinste Detail. Malen ist eine Disziplin, die es darauf abzielt, das Werk des Meisters so sehr zu verinnerlichen, daß die eigene Handschrift mit der Seinen verschmilzt. Der Malakt ist ein langsamer Lernprozeß, um das eigene Selbst mit dem des Meisters in Einklang zu bringen. Nicht ich bin wichtig, sondern mein Alter Ego in Dir, das wir. Die Zeit spielt keine Rolle. Die Bilder zeigen Landschaften und erzählen Geschichten über das Los der Menschen – Liebespaare, Samurai und Greise - einzelne Schicksale, die sich im Lauf der Menschengeschichte immer wiederholen, zeitlose Inhalte, Lebensskizzen, die besonders durch die Sparsamkeit der Geste auf den Punkt gebracht werden.

Im Land der Germanen im zwanzigsten Jahrhundert beherrscht der Ausdruck des Ichs den Malakt. „Ich“ ist das Subjekt und stellt die Welt aus seiner subjektiven Wahrnehmung dar. Nicht Weltgeschichte wird erzählt, auch nicht das Seiende, sondern innere Bilder. Sie widerspiegeln momentane Stimmungen, Gefühle, die das malende Subjekt in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft erlebt. In diesem „Egoversum“ existiert das Du nur im subjektiven Spiegel des Ichs, als Objekt der eigenen Wünsche und Gelüste. Malen ist ein physischer Prozeß, durch das die Gefühle Gestalt annehmen. In kräftigen Farben und wilden Gebärden werden die Emotionen des Augenblickes spontan auf die Leinwand entworfen. Schnell gepinselt, gespachtelt, aus der Tube gepreßt oder mit dem Besen gefegt überzieht die Farbe im Nu die weiße Leinwand und spinnt das Gewebe des eigenen Innenlebens, mit seinen Hirngespinsten, Visionen und Mähren. Der Strich versucht nicht das gemalte Sujet getreu nachzuzeichnen, sondern löst sich vom Gegenstand, verformt ihn nach Lust und Laune, verfremdet ihn farblich, ignoriert ihn sogar, um sich in Linien und Flächen mitzuteilen. Im Vordergrund steht die Freiheit der Form und deren Auslegung.

Das Werk von Setsuko Ikai entwickelt sich aus der Polarität von fernöstlichem und westlichem Gedankengut. Die akribisch gezeichneten Figuren und Stilleben der Frühzeit verschwinden nach und nach aus ihrem Werk zugunsten der offenen, abstrakten Form. Ein freies Gestalten, das Geschichten erzählt, oder besser gesagt, eine Geschichte: den Dialog der Malerin mit dem entstehenden Werk. Meistens hat das Zwiegespräch keinen bestimmten Anfang und auch kein festgesetztes Ende. Es folgt den Gedanken, die den Malprozeß beflügeln. Aus dem Zwiegespräch entwickeln sich Bilder über die Leichtigkeit des Seins und deren Verlust im Streben nach Harmonie, denn Harmonie, im Sinne Ikai‘, besteht in der ausgewogenen Begegnung der Konträre. Dies bedingt einen Kampf mit dem Material und mit sich selbst, ein stetes Ringen nach der perfekten Form. Jedes Bild ist in gewisser Weise ein Standbild aus einem Gesamtkontext, ein Dokument der sich ständig verändernden Form: eingefangene Stimmungen, momentan und zeitlos zugleich. Der Titel, nachträglich verliehen, erzählt eine neue Geschichte, Ihnen eine, mir eine andere. In der freien Wahl der Interpretation, oder anders ausgedrückt, im Zwiegespräch zwischen Betrachter und Werk liegt die Freiheit, nicht im Machen. Bei aller Großzügigkeit und Unabhängigkeit der Formen läßt das Werk von Setsuko Ikai Disziplin und Beherrschung in der Strichführung und in der Gestaltung erkennen. Die Malerin unterordnet sich den Gesetzen der Malerei. Nicht das „Ich“ spricht über sich, sondern das Bild über ihre Sensibilität.

Danièle Perrier, 1997



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