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Eine Reise ins Innere

Die großen Wandzyklen von Sheila Barcik bannen den Blick durch den Reichtum der Motive und die Intensität der Farben: blau und goldgrün bestimmen ihr neuestes Fresko Indigo Boats.
Wiederum arbeitete die Künstlerin mit Bleistift und Aquarellfarben. Das Mosaik der zusammen gesetzten DIN A 4 Blätter spiegelt die unzähligen Facetten ihrer inneren Befindlichkeiten wider, die sich, einem Brillianten gleichend, zu einer weiten und undurchdringbar scheinenden seelischen Landschaft zusammenfügen.

Oft dehnt sich eine Szene über mehrere Blätter aus, der Verlauf ist nicht linear: Vertikale Elemente gebieten dem wandernden Auge Einhalt, drängen es, sich einen Weg zu bahnen, ohne diesen vorzuschreiben. Es wird dazu gezwungen, das Bild als ganzes wahrzunehmen oder die Motive langsam zu suchen. Das kräftige Rot der frühen Zeichnungen, das die Blätter mit dynamischen, manchmal aggressiven Kreisen skandierte, ist weicheren Schattierungen gewichen, etwa dem dumpfen blau des Wassers und dem Goldgrün des Erdreichs.

Die Menschen, man spürt es, spielten eine zentrale Rolle; Sheila Barcik lässt sie zu Reisenden ihrer inneren Landschaften werden. Die einen ziehen in einem Ruderboot über die Meere, andere steigen hinab in das Erdreich. Manche balancieren riesige Kugeln auf dem Rücken, erklimmen Berggipfel oder bestaunen Hügel, die der weiblichen Brust gleichen.
Dennoch ist der Mensch oft nur in Umrissen wahrzunehmen, androgyn – ja beinah asexuell – mit langen Armen und Beinen, spröde in seinem Agieren, ungelenkig; aber auch tatkräftig, immer in Bewegung, auf dem Weg, neugierig.
Die Spontaneität der Zeichnung vermittelt den Eindruck von Wahrhaftigkeit, Gelebtem. Die Motive sind nicht immer eindeutig lesbar und die Handlungen erwecken Assoziationen von Ritualen, wie sie bei Initiationen immer wieder erzählt werden. Man denke z. B. an Die Zauberflöte oder an Die drei Orangen. Die Verbindung von Handlung mit der Kraft der Stille siedelt Barciks Werk stilistisch zwischen dem Bad Painting und der Transavantguardia, im besonderen mit den sensiblen und verinnerlichten Bildern von Francesco Clemente.

Während ihres Aufenthaltes in Balmoral hat Sheila Barcik den Versuch gewagt, ihre inneren Visionen nicht mehr in kleinteiligen Bildzyklen darzustellen, sondern auf großformatige Leinwände zu malen. Dabei entstand ein Bildpaar, wovon eines Menschen zeigt, die Baumstämme oder Stangen, die über den Bildrand hinaus wachsen, erklimmen. Auf dem anderen sind fünf Menschen zu sehen, die erschöpft auf Pfeilern liegen, wie Tierfelle. Beim ersten Bild fällt auf, dass die Menschen ohne merkbare Anstrengung emporsteigen. Allerdings handelt jeder für sich, ohne jegliche Beziehung zu den anderen zu suchen, sei es um sich mit ihnen zu messen. Die daraus entstehende Einsamkeit wird formal betont durch die strenge horizontale Zweiteilung des Bildes in einen betongrauen Boden und einen braungrünen Hintergrund, der kaum noch Assoziationen zur Landschaft erlaubt. Der Verzicht auf jegliches Beiwerk und die Verselbständigung der einzelnen Motive führt zu einer Konzentration, die fernab vom narrativen Charakter der großen, anekdotischen Zyklen der angeordneten Kleinformate auf Papier ist. Sie erreicht somit eine Loslösung des Autobiographischen zugunsten des Allgemeingültigen. Ihre neuen Bilder sprechen mit großer Schlichtheit und Sensibilität von der Einsamkeit des Menschen und seines Kampfes ums Überleben.

Danièle Perrier, in: Balmoral Jahrbuch 2005/2006, Künstler (Glücks)spiel, S. 54