Textversion

Sie sind hier:

Index

Essays

Katalogtexte

Pressetexte

Interviews

texts in English

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sitemap

Kontakt

Impressum

HermannNitsch/ORLAN/Anke Röhrscheid

Nitsch, Schüttbild 2013

Courtesy Atelier Nitsch

Physis der Seele - inszenierte Rituale

Kuratorin: Dr. Danièle Perrier
Kunstraum Dreieich/Artspace Frankfurt
Daimlerstr. 1K, D-63303 Dreieich/Frankfurt am Main

Eröffnung in Anwesenheit der Künstler:
Freitag, 21. März 2014, 19 Uhr
Dauer der Ausstellung:
Samstag, 22. März bis Freitag, 23. Mai 2014
Öffnungszeiten: Donnerstag-Samstag 15 bis 18 Uhr
und nach Vereinbarung (Tel. 0151 230 31 823)

Für Pressevorbesichtigungen und Interviews stehen wir ihnen gerne zur Verfügung.

Inhaltsangabe:
Die sehr unterschiedlichen Werke von Nitsch, ORLAN und Röhrscheid haben grundsätzlich einen gemeinsamen Nenner: Die Präsenz des Körpers als Organismus. Denn er ist unser Sensor mit der Außenwelt. Ihm verdanken wir unsere Wahrnehmung. Während die Augen unsere Umgebung optisch erfassen und die empfangenen Signale unserem Hirn zusteuern, der wiederum alle unsere Sensoren animiert, so ist es die Haut, die als „Fühlorgan“ fungiert. Durch sie spüren wir Wärme, Kälte, Liebkosungen, Schmerz. Diese Empfindungen bleiben jedoch nicht an der Hautoberfläche kleben. Je intensiver sie sind, desto tiefer dringen sie in unser Innerstes hinein. Freude, Schmerz, Gewalt, Sehnsucht, Begierde, Sinnlichkeit und Sexualität, sie gehen uns regelrecht unter die Haut, gehen uns an die Nieren und ergreifen uns mit Leib und Seele. Dieses Zusammenspiel zwischen Äußerem und Verinnerlichung und all den Schattierungen intellektueller und geistiger Zusammenhänge steht im Mittelpunkt dieser Ausstellung.

Nitsch_ Schuettbild_Malhemd

Courtesy Atelier Nitsch

Auch bei ORLAN spielt der Körper die zentrale Rolle, und zwar vor allem ihr eigener. Er ist das Maß aller Dinge und doch unterzieht sie ihn ständigen Verwandlungen. Sie eignet sich andere Identitäten an, von Venus über die Madonna bis hin zu afrikanischen Totem Skulpturen. Die Transformation, die dem Leben immanent ist, wird von ihr künstlich herbei gerufen, um immer wieder aufs Neue andere Identitäten anzunehmen, die im Laufe der Zeit auch Ausdruck eines Gesinnungswandels werden. Wesentlich dabei ist das Zusammenspiel von Entweihung und Sakralisierung. Beim Le Baiser de l’artiste küsst ORLAN jeden Passanten öffentlich, der dafür zahlt: eine doppelte Entweihung der Intimsphäre, was im Licht der kulturellen Revolution von Mai 68 zu begreifen ist. Das hatte unmittelbare Folgen, denn die Aktion führte dazu, dass ORLANs Lehrtätigkeit an der Ecole des trois Soleils gekündigt wurde.
Wenn ORLAN in die Rolle der Hl. Teresia schlüpft und in die ekstatische Haltung, die ihr Bernini verlieh, ersetzt sie ihre Passivität durch eine provokative, aktive Verführungsgeste, welche die barocke Ikone 'entsakralisiert'. ORLAN lüftet auch das Geheimnis um die ästhetische Chirurgie, die üblicherweise von Frauen, die darauf zurückgreifen, geheim gehalten wird. ORLAN macht daraus eine öffentliche Performance und – um sie noch ein Stück weiter zu theatralisieren – liest sie während der ganzen Operation philosophische oder literarische Texte laut vor. Das Private wird öffentlich und transparent. Der 'Desakralisierung' entspricht in anderen Fällen die Sakralisierung, so bei der skulpturalen Umsetzung der Performance Le Baiser de l’artiste, die im Foto ORLAN als Heilige ORLAN auf dem Sockel darstellt, zusammen mit der auf einen Stuhl gestellten Büste der Performance mit der Aufforderung zu zahlen. Heilige und Hure koexistieren.

Die Überschwänglichkeit und Erotik jener Werke von ORLAN, die sich mit dem Barock auseinandersetzen, kontrastiert mit der Rohheit der Videos und der Fotografien von den chirurgischen Eingriffen. Auch diese Dichotomie verbindet ihre Werke mit jenen von Nitsch.

ORLAN, aus der Serie Skai and Sky and video 1983

Courtesy die Künstlerin und Galerie Rein, Paris und Brüssel


Anke Röhrscheid
, eine Schülerin von Hermann Nitsch, liefert gleichsam einen stilleren Gegenpol zu der extrovertierteren Körperlichkeit bei Nitsch und ORLAN. Ihre kleinformatigen Bilder sind samtig weich und abstrakt, aber alles darin suggeriert Leben. Es sind ineinander verschlungene Körper undefinierbarer Wesen – keine Individuen, nicht einmal Menschen, aber beseelte Organismen, wie man sie vielleicht auf dem Meeresgrund oder in Science Fiction Romane findet. Manchmal scheinen sie zu kopulieren oder sie purzeln in freiem Fall, wie man dies aus Bildern von Breughel dem Älteren oder auch von Rubens’ monumentalem Jüngstes Gericht kennt. Die Referenz zum Barock ist nicht rein kompositorisch, sie wiederfindet sich auch in der durchaus taktilen Oberfläche, die zum streicheln einlädt, so sehr suggeriert sie die Weichheit und Feinheit der Haut. Es sind schwärmerische Welten, sinnlich und organisch. Die Arbeiten entstehen seriell: manchmal ragen die Motive in grau aus der schwarzen Oberfläche, manchmal in Pink aus der roten. „Hervorragen“ beschreibt genau den Entstehungsprozess, denn was als Hintergrund wahrgenommen wird ist in der Tat die oberste Schicht der Malerei. Sie ist wie die Haut, die sich schützend um die Organe legt, ein zusätzlicher Verweis auf ein organisches Innenleben.

Anke Röhrscheid, o.T. 2006

Courtesy Anke Röhrscheid, Foto K. Halbig


Werke:
Von Nitsch werden Energie geladene Schüttbilder der letzten 10 Jahre, Aktionsfotos und überarbeitete Grafiken sowie einzelne Aktionsrelikte gezeigt; von Orlan Inszenierungen Ihrer selbst in Form von Fotografien, Videos und Objekten, von Anke Röhrscheid Aquarellbilder und ihr erstes Video.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalogheft von 32 Seiten bei Edition Minerva, ISBN ISBN 978-3-943964-09-7.

Wir möchten Sie bitten Einzeltermine auszumachen, wenn Sie die Ausstellung für die Berichterstattung vor der Eröffnung sehen möchten oder Interviews mit den Künstlern führen möchten. Bei Bedarf senden wir Ihnen auch gerne Abbildungsmaterial.

Mit freundlichen Grüßen
Danièle Perrier
Kuratorin

Kunstraum Dreieich | Artspace Frankfurt
Inhaber Eric Bernard Beuerle de Castro
Daimlerstr. 1K
D-63303 Dreieich/Frankfurt am Main
www.kunstraum-dreieich.de

Für Infos wenden Sie sich bitte an
Eric Bernard Beuerle de Castro
Tel: [49] (0)6103 8708251
email: info@kunstraum-dreieich.de

und an
Dr. Daniele Perrier:
Tel. [49] 261 86 112
E-Mail info@perrier.at

Pressestimmen:
http://www.art-scene.tv/events/detailansicht/cr/all/c/kunstraum-dreieich-zeigt-werke-von-hermann-nitsch.html

nach oben


AICA - Museum des Jahres 2013

Kolumba Museum, Köln

Das Kolumba Museum, Köln

Jedes Jahr kürt die AICA Deutschland ein Museum, welches sich durch die Eigenständigkeit seines Programms auszeichnet und sich quer zu den herrschenden Trends zum Art-Entertainment verhält. In diesem Jahr geht die Auszeichnung an ein Museum, dessen Sammlung auf das Jahr 1853 zurück geht und dessen Neubau, Sammlungserweiterung und Ausstellungskonzept über Jahrzehnte hinweg bis ins letzte Detail ausgetüftelt wurde: das Kolumba Museum, heutiger Name des Erzbischöflichen Diözesanmuseums in Köln.

Um 1990 fiel die Entscheidung, die alten kirchlichen Bestände durch Werke zeitgenössischer Kunst zu erweitern, welche sich im weitesten Sinn mit christlichen Werten, mit dem Erhabenen, Numinosen oder auch nur mit dem Zeitlosen auseinandersetzen. Die 1991 vom Philosophen Walter Warnach geschenkte Beuys Arbeit Munitionskiste mit „Kreuz mit Sonne“, Fichtenstamm mit „Berglampe“ legte die Latte hoch. So verstehen sich die zeitgenössischen Kunstwerke in einer Kontinuität mit den alten Beständen. Tradition und Innovation treffen aufeinander. Dies gilt auch für die außerordentliche Architektur des 2007 eröffneten Museums von Peter Zumthor. Er hat einen sensiblen und differenzierten Neubau um die Sammlung herum errichtet, mit verschieden hohen Räumen, die den Ausstellungsbedürfnissen der Sammlung und der jährlichen Sonderausstellung optimal entsprechen. Außerdem ermöglicht er die Begehung der darunter gelegenen Ruinen der Kirche von Sankt Kolumba, sodass eine Symbiose zwischen der im Krieg zerstörten Kirche und deren erzbischöflichen Sammlung entsteht.

Das Kolumba Museum zielt auf Wahrnehmung und Beschaulichkeit: Keine Inszenierung durch Lichteffekte, sondern nur Tageslicht, wodurch die Kunstwerke gleichwertig präsentiert werden und es Sache des Besuchers ist, selbst seine Lieblinge auszuwählen. Keine Beschriftungen, sondern ein Begleitheft mit informativen Kurztexten zu den ausgestellten Werken. Sitzgelegenheiten, aber keine störenden Führungen während der Öffnungszeiten, keine Cafeteria, kein Shop, aber ein Ticket gültig für den ganzen Tag, das wiederholtes Ein- und Ausgehen ermöglicht.

Einmal pro Jahr wird die Sammlung nach thematischen Kriterien neu geordnet. In diesem Jahr ist es der Schrein. Es findet eine einzige monografische Ausstellung pro Jahr statt, die den Fokus auf einen thematisch mit der Sammlung verbundenen Künstler legt. Die Ausstellung wird von einer wissenschaftlich durchdachten und aufwendig gestalteten Publikation begleitet. Um die Kontinuität von Ausstellung zu Ausstellung zu untermauern, werden Werke der Sonderausstellung des Vorjahres in die Sammlungsschau integriert. Das Begleitprogramm wiederum beleuchtet verschiedene Aspekte der Sonderausstellung.

Zusammenfassend zeichnet sich das Kolumba Museum durch eine hervorragende Architektur aus, durch eine qualitätvolle Sammlung, die den Bogen zwischen alter und zeitgenössischer Kunst spannt, durch ein stringentes Ausstellungskonzept, das Hand in Hand mit der Sammlung geht und Künstler vorstellt, die an der Peripherie des Medieninteresses liegen. Alles ist auf Beschaulichkeit und Wahrnehmung ausgerichtet, auf die Erziehung zur Langsamkeit des Sehens – wahrlich ein Museum gegen die Hektik der Zeit, in diesem Sinne ein Museum gegen den Strich und genau das, was AICA zu würdigen schätzt.

Danièle Perrier 2013

nach oben

Eindrücke der 55. Biennale die Venezia

Marc Quinn, Alison Lapper

San Giorgio, Venedig 2013


Die traumhaft schöne Stadt Venedig, mit ihren zahlreichen Palästen und Kirchen, die von vergangener Pracht sprechen, und ihren verborgenen Gässchen, Venedig, die attraktive Kulisse der Kriminalromane von Donna Leon, beherbergt die 55. Biennale für zeitgenössische Kunst. Neben den Pavillons in den Giardini und im Arsenale, gibt es zahlreiche weitere Pavillons in der ganzen Stadt zu entdecken. Unübersehbar, wenn man mit dem Vaporetto zu den Giardini fährt, ist die Monumentalskulptur, welche Marc Quinn von Alison Lapper vor der Kirche von San Giorgio aufstellen ließ. Es handelt sich um eine aufblasbare Replik jener, die auf der 4th Plinth des Trafalgar Square Furore machte: Alison Lapper, eine ohne Arme und mit verkrüppelten Beinen auf die Welt gekommene Malerin, sitzt hochschwanger auf dem Sockel. Inmitten der Kriegshelden strahlt Lapper auf dem Trafalgar Square Stärke aus und wird zum Symbol von Fruchtbarkeit und Mutterschaft. Sie steht für die Kontinuität des Lebens im Gegensatz zu den Kriegsveteranen, deren Aktionen für so viele den Tod brachten. In Venedig ist sie vor einer katholischen Kirche aufgestellt. In diesem Kontext verweist sie zugleich auf die langjährige Reduzierung der Rolle der Frau auf das Gebären.

Vadim Sacharow, Danae

Russischer Pavillon, Venedig 2013


Kapital und Wirtschaftskrise sind ein rekurrierendes Thema in den Giardini: Im russischen Pavillon lässt Wadim Sacharow in der performativen Installation Danae Goldregen fallen. Während im 1. Stock die Besucher vor den sich am Boden häufenden Golddukaten knien, ist es den Frauen vorbehalten, die Goldmünzen einzusammeln und den Männern zu bringen, die es wieder auf einem Förderband werfen: Schuldbeladene, aalglatte Männer – darauf verweist eine Tafel im 1. Stock – und Frauen, die anschaffen, alle gleich geldgierig und in der Zirkulation des Geldes verfangen. Eine schrille Persiflage des von Oligarchen regierten Russlands, die den Raum des Pavillons optimal nutzt.

Im griechischen Pavillon zeigt Stefanos Tsivopoulos seine sehr feinfühlige Video-Trilogie History Zero. Das erste Video zeigt einen afrikanischen Immigranten, der in den Straßen Athens nach auswertbarem Elektroschrott sucht und stattdessen in einer Tonne einen aus gefalteten Euroscheinen bestehenden Origami Strauß findet. Im zweiten Video ist ein Künstler auf der Suche nach einer neuen Projektidee dargestellt, der einen Einkaufswagen mit Elektroschrott füllt und diesen als Installationsobjekt verkauft, wie man im dritten Video erfährt, einer dementen Kunstsammlerin, die ihre Euroscheine zu Origami-Blumensträußen faltet. Diese gelangen auf den Müll und werden schließlich vom Afrikaner im ersten Video gefunden. Neben dem präsenten Traum, Geld auf der Straße zu finden, zirkulieren hier kreative Ideen zum Tauschhandel, die Suche nach Alternativen. History Zero stellt die Stunde Null dar und stellt einen Neuanfang dar.

Mit An Immaterial Retrospective of the Venice Biennale gelingt es den Kuratoren und Performancekünstlern Alexandra Pirici und Manuel Pelmuș den rumänischen Pavillon zu einem der interessantesten Beiträge zur Wirtschaftskrise zu gestalten. Im Pavillon hängt nichts, steht nichts, klingt nichts. Zehn Performer in Alltagskleidung, die in zwei Fünfergruppen eingeteilt sind, stellen auf Kommando einer Stimme eine von hundert ausgewählten Skulpturen aus der Geschichte der Biennale mit ihren Körpern virtuell nach. Eindringlicher kann man auf die Geldknappheit nicht hinweisen, und zugleich den Anspruch auf ein virtuelles Museum erheben, das aus dem gesamten Sortiment der jemals ausgestellten Skulpturen der Venedig-Biennalen besteht.


Sarah Sze, Triple Point

Amerikanischer Pavillon, Venedig 2013

Im und um den amerikanischen Pavillon baut Sarah Sze mit Triple Point Holzstrukturen, Schelter, die unbeschreiblich viele kleine Objekte bergen: Geformte, gefundene, sich verändernde Naturelemente und Handwerkliches treffen aufeinander und faszinieren durch die Vielfalt des zu Betrachtenden. Halb Labor, halb Archiv und Museum, Wissenschaft und Kunst vermischen sich zu einem harmonischen Ganzen. Sze stellt eine Verbindung her zu Massimo Gionis Palazzo Enciclopedico im internationalen Pavillon und weiten Teilen des Arsenale, der einen anthropologischen Anspruch der Bilder erhebt und der Fantasie und dem Traum viel Raum gewährt. Künstler und Dilettanten stehen einander nahe. Besonders spannend ist das von Cindy Sherman zusammen gestellte Ensemble – eine Ausstellung in der Ausstellung – welche unendlich viele Facetten der Selbstwahrnehmung beinhaltet. Puppen, Masken, Skulpturen, Votivtafeln, Zeichnungen und Fotos geben ein weites Spektrum der Darstellung des menschlichen Körpers und der verschiedenen Befindlichkeiten.

Danièle Perrier in:Top Magazin Juli 2013 hier etwas erweitert

nach oben


Hinter den Dingen

Wiebke Gröch/Frank Metzger, Gitter

for English version

Gruppenausstellung kuratiert von Dr. Danièle Perrier
Eröffnung 2. November 2012, 19 Uhr
Galerie Heike Strelow, Frankfurt a. M.

Die Ausstellung setzt beim Märchen Alice im Wunderland an. Es stellt die Welt der Phantasie, der Fiktion und gleichzeitig auch der Logik der Ereignisse dar. Die abstrusen Geschichten öffnen den Blick für ein anderes Verständnis und regen an, das Verborgene Hinter den Dingen zu suchen. Dazu laden die Malereien von Fides Becker, die Keramiken von Liliana Basarab, die Bronzen von Hermine Anthoine, die monumentalen Kohlezeichnungen von Laura Bruce und jene zarten, feingliedrigen von Martin Durham, die speziell für diese Ausstellung hergestellt wurden, sowie das Glasdiptychon von Wiebke Grösch und Frank Metzger ein.

„Es scheint, als würden uns die Materialen und ihre Botschaften bekannt sein. Doch versteh[en] es [die] Künstler, alle vertraut anmutenden Formen und Räume plötzlich wie Inszenierungen einer fremden Wirklichkeit dastehen zu lassen.“
(Kunstverein Schwerin zu Durham, 2010)

Das Objekt von Wiebke Grösch und Frank Metzger hat Symbolcharakter für diese Ausstellung: Mehr noch als das Glas, die unsichtbare Trennwand zwischen einem selbst und dem jenseits Verborgenen, lädt das lückenhafte Gitterzaunmotiv förmlich dazu ein, durch die Mauer hindurch zu treten und der Neugier freien Lauf zu geben; um zu erforschen, was sich dahinter verbirgt. In gewisser Weise stellt das Werk mit seiner ganzen Ambivalenz eine Einladung an den Betrachter dar, unbekannte Sphären zu beschreiten. Die Werke der anderen beteiligten Künstlerinnen und Künstler sind figurativ und stärker der Narration verpflichtet. Bei Fides Becker, Laura Bruce und Martin Durham möchte man von einer Detailverliebtheit sprechen, Liliana Basarab und Hermine Anthoine bleiben skizzenhafter. Ihnen allen eigen – und was sie von vielen aktuellen narrativen Malern unterscheidet –, ist die Konzentration der Darstellung auf den einen Moment der Verwandlung: Die Zeit ist suspendiert, die Darstellung im Moment der Veränderung eingefangen.

Liliana Basarab, Different teams

Aus dem Zusammentreffen zweier Realitäten entsteht eine Fiktion, die wiederum den Blick für eine andere Wahrnehmung öffnet. In diesem Kippmoment versteckt sich die Botschaft der gezeigten Werke, die sehr unterschiedliche Ansätze offenlegen. Nicht ohne Ironie verwandeln sich die bronzenen Wollknäuel von Hermine Anthoine zurück in eine grasende Schafsherde, während ihre Sichel an die Aufstände der Revolution erinnern und zugleich eine friedliche Vogelschar darstellen. Liliana Basarab, die sich mit Kommunikationsformen auseinandersetzt, zeigt in ihrem Fußballteam die Abhängigkeit der Spieler voneinander, da sie zusammen nur drei Beine haben und nur gemeinsam spielen können. Dieselbe Abhängigkeit liest sich auch in der Arbeit Family connection – miteinander verbundene Sandalen – die erst beim Herausschlüpfen den Einzelnen sich frei bewegen und in eine private Sphäre lassen. Hier lässt sich deutlich eine kritische Haltung zu den Zwängen einer Gesellschaft ablesen, die ihre Bürger unter Kontrolle hält.

Bei Fides Becker spukt es ganz schön auf dem Friedhof Golem, in dessen Ranken sich Totenköpfe verstecken. In einem anderen Bild verwandelt sich der Milch spendende Busen in eine Tasse. Quelle und Behälter werden eins und scheinen direkt einer Märchenwelt zu entspringen. Laura Bruce‘ Landschaftsbilder stellen eine zugleich gewaltige und fragile Natur dar, die zugleich bedrohend und bedroht wirkt. In Trap scheinen die Büsche wie von einem Wirbelwind weggefegt – man glaubt den wandernden Wald von Macbeth zu sehen –, während in Tight ein schwarzer, rechteckiger Schwall gefährlich nah über das Dach des Hauses und nur darüber zieht. Oft werden Nah- und Fernsicht ineinander verwoben. Die Dynamik – ein wesentliches Element ihrer Arbeit – ist faktisch in die Bildebene eingefangen. Die Welten, die Martin Durham entstehen lässt, sind ambivalent, fremd und skurril. So sitzt ein voll ausgebildeter Kopf auf einem faktisch nur durch ein paar Striche angedeuteten, substanzlosen Körper, der ihn nur schwer tragen kann. Die Last verleiht dem Gesichtsausdruck etwas Gequältes, Unentschlossenes und Orientierungsloses. In einer anderen Zeichnung tritt ein scheinbar herrenloser Hosenanzug vor ein kaleidoskopisches Spektrum, ohne direkten Bezug auf die abstrakte Umgebung zu nehmen. Seine Werke versetzen den Betrachter in ungewisse Ebenen und laden ein, den Gedanken wie ein Kind freien Lauf zu lassen.

All die hier gezeigten Bilder öffnen der Phantasie die Tore zum Unbewussten und ermöglichen eine Wahrnehmung für individuelle und neue Erkenntnisse. Der Betrachter entdeckt für sich neue Wahrheitsgehalte, erlebt eine einmalige Geschichte. Um mit Gilles Deleuze zu schliessen: „Une fuite dans l’imaginaire ou dans l’art, c’est produire du réel, créer de la vie.“ (Eine Flucht ins Imaginäre oder in die Kunst, erzeugt etwas Reelles, erschafft Leben.)

Danièle Perrier

nach oben


Beyond realities

exhibition view

It is my pleasure to invite you to the exhibition HINTER DEN DINGEN (BEYOND REALITIES) which I curated for the Galerie Heike Strelow, Hanauer Straße 52, 60314 Frankfurt am Main, Germany – the first one after leaving Balmoral.
It shows selected works by Hermine Anthoine, Liliana Basarab, Fides Becker, Laura Bruce, Martin Durham, Wiebke Groesch/Frank Metzger.
Opening Friday, November 2nd 2012 at 7 PM.

The exhibition is inspired by Alice in Wonderland. It represents the world of fantasy, fiction and at the same time a logic of events. The bizarre histories open the sight for different understanding and invite you to look beyond realities: so the paintings by Fides Becker, the ceramics by Liliana Basarab, the bronzes by Hermine Anthoine, the monumental drawings by Laura Bruce and the very sensitive and detailed ones by Martin Durham, which were realized especially for this exhibition, as well as the glass diptych by Wiebke Grösch and Frank Metzger. At first sight it seems that materials and their messages are well-known, but the artists understand to set familiar forms and spaces in strange scenarios thus suggesting new realities. The glass object by Wiebke Groesch and Frank Metzger has a symbolic meaning for the understanding of this exhibition: More than the glass itself, which builds an invisible wall between oneself and what is behind it, the hole in the grid invites you to transgress the separating wall and by doing so, to give way to curiosity and exploration of the hidden worlds. In a certain way this work encourages the spectator to enter unknown spheres.

Danièle Perrier

nach oben

Verabschiedung im Schloß Balmoral

Leiterin des Künstlerhauses Schloss Balmoral verabschiedet

„Es bewegt sich alles, Stillstand gibt es nicht.“ Was der Schweizer Künstler Jean Tinguely 1959 in seinem Manifest „Für Statik“ formulierte, ist für die Arbeit von Dr. Danièle Perrier programmatisch. Heute feierte die Leiterin des Künstlerhauses Schloss Balmoral ihren Abschied. „Mit Danièle Perrier verlieren wir eine weltgewandte Streiterin für die Kunst, die diese nicht nur mit all ihren Facetten wertschätzt, sondern auch in Fragen der künstlerischen Freiheit keine Kompromisse eingeht. Nicht zuletzt gilt dies für die Arbeiten der vielen Stipendiatinnen und Stipendiaten, die Schloss Balmoral in den vergangen Jahren zu Gast hatte. Unermüdlich hat sich die Leiterin dafür eingesetzt, dass sich diese - zuweilen auch mit umstrittenen Werken - einem breiten Publikum präsentieren konnten. Und oft endete die Unterstützung nicht mit dem Stipendium. All das, was Sie in den vergangenen Jahren auf Schloss Balmoral geleistet haben, verdient große Anerkennung.“ Mit diesen Worten bedankte sich die rheinland-pfälzische Kulturministerin Doris Ahnen bei Dr. Danièle Perrier, die das Künstlerhaus seit 1999 geleitet hatte.

„An Danièle Perrier kommt so leicht keiner vorbei“, sagte Kulturstaatssekretär Walter Schumacher bei der Abschiedsfeier. Dies sei zum einen ihrer persönlichen Eleganz und Stilsicherheit geschuldet, zum anderen ihrer Art, wie sie als Leiterin Aufgaben, die sich ihr im Künstlerhaus gestellt hätten, angegangen sei: „Ihr hervorragend organsiertes Netzwerk mit vielen wichtigen Kontakten zur künstlerischen Fachwelt, Ihre Sprachkenntnisse, Ihre Kreativität und Ihre Kunstkenntnis haben Sie zu einer ausgewiesenen Botschafterin von Schloss Balmoral gemacht.“

Ihre beruflichen Stationen führten Dr. Danièle Perrier zunächst nach Wien, wo sie nach ihrem Studium im internationalen Kunsthandel tätig war. In ihrer Heimatstadt Fribourg arbeitete sie als Kuratorin am Museum für Kunst und Geschichte, bevor sie in den 90er Jahren als Gründungsdirektorin an das Ludwigs-Museums nach Koblenz wechselte und schließlich die Leitung von Schloss Balmoral in Bad Ems übernahm. Hier wagte sie einen experimentellen Stil und engagierte sich etwa für die Integration von Medienkunst - angefangen 2002 mit „Steadicam“, einer Videoinstallation von Wiebke Grösch und Frank Metzger über die Bad Emser Medienkunsttage bis hin zur BALMORALE, einer Ausstellung mit Studierenden der Kunsthochschulen Mainz und Saarbrücken.

Perrier holte auch renommierte Künstlerinnen und Künstler wie etwa Jonathan Meese nach Bad Ems. Über 6000 Bewerbungen internationaler Kunstschaffender gingen insgesamt bei Schloss Balmoral ein; 135 Stipendiatinnen und Stipendiaten hospitierten seit 1996 in dem Künstlerhaus.

Danièle Perrier verabschiedete sich mit einem vielfältigen künstlerischen Programm. Den Auftakt bildete die dritte carte blanche 2012 im Laden N° 5, in deren Rahmen die renommierte Künstlerin Tamara Grcic den deutschen Künstler Christoph Esser vorstellte.

Kultusministerium Mainz, 29.06.2012

nach oben

Es bewegt sich alles, Stillstand gibt es nicht.

Kulturministerin Ahnen verabschiedete Dr. Danièle Perrier

Es bewegt sich alles, Stillstand gibt es nicht.“ Was der Schweizer Künstler Jean Tinguely 1959 in seinem Manifest „Für Statik“ formulierte, ist für die Arbeit von Dr. Danièle Perrier - langjährige Leiterin des Künstlerhauses Schloß Balmoral in Bad Ems - programmatisch. Jetzt feierte sie ihren Abschied.

„Mit Danièle Perrier verlieren wir eine weltgewandte Streiterin für die Kunst, die diese nicht nur mit all ihren Facetten wertschätzt, sondern auch in Fragen der künstlerischen Freiheit keine Kompromisse eingeht. Nicht zuletzt gilt dies für die Arbeiten der vielen Stipendiatinnen und Stipendiaten, die Schloss Balmoral in den vergangen Jahren zu Gast hatte. Unermüdlich hat sich die Leiterin dafür eingesetzt, dass sich diese - zuweilen auch mit umstrittenen Werken - einem breiten Publikum präsentieren konnten. Und oft endete die Unterstützung nicht mit dem Stipendium. All das, was Sie in den vergangenen Jahren auf Schloss Balmoral geleistet haben, verdient große Anerkennung.“ Mit diesen Worten bedankte sich die rheinland-pfälzische Kulturministerin Doris Ahnen bei Dr. Danièle Perrier, die das Künstlerhaus seit 1999 geleitet hatte.
„An Danièle Perrier kommt so leicht keiner vorbei“, sagte Kulturstaatssekretär Walter Schumacher bei der Abschiedsfeier. Dies sei zum einen ihrer persönlichen Eleganz und Stilsicherheit geschuldet, zum anderen ihrer Art, wie sie als Leiterin Aufgaben, die sich ihr im Künstlerhaus gestellt hätten, angegangen sei: „Ihr hervorragend organsiertes Netzwerk mit vielen wichtigen Kontakten zur künstlerischen Fachwelt, Ihre Sprachkenntnisse, Ihre Kreativität und Ihre Kunstkenntnis haben Sie zu einer ausge-wiesenen Botschafterin von Schloß Balmoral gemacht.“
Ihre beruflichen Stationen führten Dr. Danièle Perrier zunächst nach Wien, wo sie nach ihrem Studium im internationalen Kunsthandel tätig war. In ihrer Heimatstadt Fribourg arbeitete sie als Kuratorin am Museum für Kunst und Geschichte, bevor sie in den 90er Jahren als Gründungsdirektorin an das Ludwigs-Museum nach Koblenz wechselte und schließlich die Leitung von Schloss Balmoral in Bad Ems übernahm. Hier wagte sie einen experimentellen Stil und engagierte sich etwa für die Integration von Medienkunst - angefangen 2001 mit „Steadicam“, einer Videoinstallation von Wiebke Grösch und Frank Metzger über die Bad Emser Medienkunsttage bis hin zur BALMORALE, einer Ausstellung mit Studierenden der Kunsthochschulen Mainz und Saarbrücken.
Perrier holte auch renommierte Künstlerinnen und Künstler wie etwa Jonathan Meese nach Bad Ems. Über 6000 Bewerbungen internationaler Kunstschaffender gingen insgesamt bei Schloss Balmoral ein; 135 Stipendiatinnen und Stipendiaten hospitierten seit 1996 in dem Künstlerhaus.
Danièle Perrier verabschiedete sich mit einem vielfältigen künstlerischen Programm. Den Auftakt bildete die dritte carte blanche 2012 im Laden N° 5, in deren Rahmen die renommierte Künstlerin Tamara Grcic den deutschen Künstler Christoph Esser vorstellte.

Mainz 03.07.2012

nach oben

Interview Gutenberg TV zur Ausstellung KM 500-4

Ausstellungseröffnung KM 500-4 in der Mainzer Kunsthalle 2011Link zu Youtube
Den Beitrag finden Sie im letzten Drittel, Minute 17:40

Ausstellungseröffnung KM 500-3

Ausstellungseröffnung KM 500-3 in der Mainzer Kunsthalle 2010
Link zu Youtube

Deutschlandfunk Interview

Dieses Radiointerview zur 15 Jahresfeier vom Künstlerhaus Schloß Balmoral gesendet.
dlfperrier.mpg [6.400 KB]